AAG: Was ist denn bloß geschehen?

Zur Generalversammlung der AAG April 2018

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Dass die Ergebnisse der letzten Generalversammlung durch die nicht-Bestätigung zweier Vorstandsmitglieder eine gewisse Ratlosigkeit sowohl in der Leitung wie in der Mitgliedschaft ausgelöst haben, ist verständlich. War doch die ganze dort anwesende Mitgliedschaft so polarisiert, dass die mehr lokalen, nordschweizerischen Mitglieder gegen die angereisten Mitglieder der Weltgesellschaft gestimmt haben. Es wird im Folgenden versucht, die Ereignisse und geschichtlichen Umstände zu erläutern, die uns in diese Sackgasse geführt haben.

Im März 1976 verließ ich meine südafrikanische Heimat; Reiseziel Goetheanum, mit einer vorläufigen Stelle als Bühnenhelfer. Bald darauf, in der Bühnentechnik und als Mitarbeiter Walther Roggenkamps für die neue Faust-Inszenierung.

Der Kultureindruck war umwerfend. Bruckners Vierte von der Eurythmie-Gruppe van der Pals aufgeführt mit vollem Orchester, die Woche darauf eine gleichfalls beeindruckende Aufführung der Zuccoli-Gruppe. Der Große Saal voll, auch bei den weiteren, fast wöchentlichen Aufführungen.

Überall junge Menschen, darunter rund 400 Studenten der verschiedenen Ausbildungen. Aus Ostsälen, Südsälen, Schreinerei, und Studentenheim klangen von morgens um sieben bis abends um zehn ständig Musik oder Sprachgestaltung, wenn nicht Proben oder Unterricht, dann zum privaten Üben.

Jörgen Smit und Manfred Schmidt-Brabant waren eben in Dornach angekommen; Jörgen noch im provisorischen Spanplattenbüro der Schreinerei, heute die Druckerei. So konnte ich während fünf Jahren bei vielen der Organisationsarbeiten mitmachen, wo zum ersten Mal in der anthroposophischen Geschichte eine dauerhafte, aktive Jugendsektion aufgebaut wurde. An den Jugendtagungen im Sommer war der Große Saal knallvoll, wie auch an jeder der drei darauffolgenden öffentlichen Sommertagungen – Faust, Mysteriendramen, Eurythmie –was das Goetheanum bot fand ein treues, unterstützendes Publikum. Schauspieler, Eurythmisten und Mitarbeiter wohnten recht bescheiden, und viele Künstler hatten auch andere Stellen um finanziell durchzukommen. Die Begeisterung an der Kunst, hingegen, befeuerte alle im Bau Tätigen. Es schien keiner wegen einer „Job“ dort mitzumachen. Kritik gab es selbstverständlich auch damals überall – wir haben es ja schließlich mit Anthroposophen zu tun – aber man arbeitete an etwas, das Sinn machte und das auf breites Interesse stieß.

Nach abgeschlossener Waldorfausbildung und Faust-Dekoration, kehrte ich 1982 zurück nach Südafrika, zur zwanzig-jährigen Tätigkeit an den Waldorfschulen dort. Gespannt kam ich 2001 nach Dornach zurück, freudig erwartend wie das Kulturleben sich weiterentwickelt hatte. Der Unterschied war überwältigend!

Süd- und Ostsäle, standen meistens leer. Die wenigen jungen Menschen wirkten wie Besucher im Seniorenheim. Doch man fand recht viele an den verschiedenen Ausbildungen, die bis Basel hin verstreut lagen. Allein, sie kamen nicht ans Goetheanum. Eine erste Eurythmie-Aufführung im Grundsteinsaal, im Rahmen einer perfekt organisierten kleinen Tagung, komplett mit Einleitung, war qualitativ nicht schlechter als 25 Jahre zuvor, doch als ich mich im Saal herumschaute, saßen dort kaum fünfzig Menschen! Wo war denn bloß das dornacher Publikum geblieben? Der Verwalter der Bühne erzählte, man kriege den Saal nur bei internationalen Tagungen und viel Werbung noch voll. Im Sommer gab es davon eine Einzige, relativ schlecht besucht.

Und die Hinterbühne? Wo früher Garderoben, Kostümschneiderei- und Lager, Kulissen und Requisiten, Übungsräume – alles was zum Bühnenbetrieb gehört, waren vorwiegend Büros. Wo Schauspieler und Eurythmisten sich früher aufhielten, saß einer am Rechner. Kaum ein Vorstandsmitglied führte noch eine Sektion; man hatte andere Sektionsleiter zugezogen, die mit einer kleinen Verwaltung meist in einer der umliegenden Bauten untergebracht waren. Durch diese wurden die vielen, hauptsächlich kleinen Tagungen, internationale Koordinierung und Vortragsreisen organisiert.

Allerdings, unglücklich war ich nicht. Gerne arbeitete ich dort wieder. Doch schockiert war ich – und ratlos. Für die Kunst selber gab es kein Geld – nur noch um sie zu verwalten und darüber zu schreiben?!

Bei der Generalversammlung, an Stelle spannender, abwechslungsreicher Berichte aus aller Welt, besprach man die Konstitution der anthroposophischen Gesellschaft, die Anträge des Vereins Gelebte Weihnachtstagung. Was an gelebter Weihnachtstagung hervortrat war grau und öde – und zum Sterben langweilig. Was war mit der Wissenschaft der Geisteswissenschaft geschehen? Waren wir zur reinen Glaubensgesellschaft geworden?

Ein lokales Publikum blieb aus. Potenziell hätte es sich aber verdoppelt oder verdreifacht. Mehr als doppelt so viele Waldorfschulen in der Umgebung – Mülheim, Colmar, Aesch, Aargau, Muttenz, Freiburg, Lörrach, Schopfheim, und dazu viele andere anthroposophisch-orientierte Einrichtungen. Wie kam es, dass all diese vielen Menschen, in Eurythmie und Sprache, Musik und Kunst, Philosophie und Sozialkunde durchaus unterrichtet und aktiv, nicht ans Goetheanum kamen? In der Öffentlichkeit, an Stelle der großen Eltern- Lehrer- Schüler-Tagungen, die man damals gleichzeitig in Stuttgart, Essen und Hamburg hielt, wurden Anthroposophen als Rassisten und Sektenangehörige hingestellt.

Sollte dies die Kulmination der Anthroposophie sein, von der hoffnungsvoll inspirierend damals in den 70er und 80er in Dornach erzählt wurde? Was war denn bloß passiert?

***

Man hatte seinerzeit ein Fach in der Goetheanum-Bibliothek, das allgemein als Giftschrank bekannt war. Dort sollten die verschiedenen Kampfschriften und Betrachtungen der Gesellschaftsgeschichte vergangener Jahrzehnte zu finden sein. Schon in Südafrika hatte ich den dicken Band Eugen Kolisko – Ein Lebensbild von Lili Kolisko gelesen und wollte mich diesbezüglich weiterbilden. Da bekam ich vom Bibliothekar die strenge Mahnung, als junger Mensch sollte ich mich mit positiven Dingen beschäftigen und von diesen traurigen Streitigkeiten ablassen. Er ließ mich gar nicht ran!

So ging ich zur Rudolf Steiner Halde rüber. Dort hat der liebe Herr Belmann gerne meine Fragen beantwortet und frei Zugang zur Literatur gegeben. Auch die älteren Dornacher waren bereit, das alles im privaten Gespräch zu erläutern. Man musste nur eine Anzahl verschiedener Leute aufsuchen, weil jeder so seine eigene Richtung und Loyalitäten vertrat. Die Botschaft war aber klar: Die Anthroposophische Gesellschaft will sich kollektiv mit den möglichen Konsequenzen ihrer vergangenen Entscheidungen und Fehler nicht befassen.

Deswegen sind leider die Konsequenzen nicht ausgeblieben – von allem Anfang an nicht. Hier zunächst der Versuch einer Auflistung mehr gravierender  Auswirkungen der Kämpfe und Entscheidungen vergangener Jahre.

Diese mangelnde Bereitschaft, die Illusionen und Misshandlungen der Vergangenheit klar ins Auge zu fassen und sich ihnen zu stellen, hat sich bis heute fortgesetzt.

Fusion – Verein des Goetheanums[1] als Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, 8 Februar 1925

Durch Fusion der AAG und dem Verein des Goetheanums, kam das Goetheanum, mit seinem Bau, Betrieb und Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in den rechtlichen Besitz der AAG-Mitglieder, also der Weltgesellschaft. Das blieb zunächst ganz unbemerkt, weil ja an der Bauverwaltung selber sich während über fünfzig nichts Wesentliches veränderte. Doch an den Kontroversen und folgenschweren Fehlentscheidungen um den Ausbau des Großen Saales nach dem Krieg, hätte man eigentlich damals schon aufmerksam werden müssen, was es bedeutet, wenn kein unabhängiger Bauverein, sondern allein der Vorstand alle Verantwortungen trägt.

Ausschlüsse von 1935

Ein Jahrzehnt später erfolgten die Ausschlüsse an der Generalversammlung 1935. Neben dem Menschlichen, das später etwas leichter zu überbrücken war, blieb für die anthroposophische Bewegung nachwirkend, dass sich die nicht Deutsch-sprachige Weltgesellschaft, durch den Nationalsozialismus aber dann auch Deutschland und Österreich, den Kontakt mit Dornach verloren und das Goetheanum nicht mehr als Zentrum der anthroposophischen Bewegung fungierte.

Nach dem Kriege baute sich in vielen Ländern eine anthroposophische Arbeit auf, die ihr Zentrum und Beratungsstelle eher in Großbritannien und den Niederlanden als in Dornach sah. Die Trennung dauerte ja immerhin über 25 Jahre. Hauptakteure am Aufbau waren Willem Zeylmans und einige andere holländische Anthroposophen, die englischen Waldorfschulen, Sunfield Homes und die Camphill-Bewegung.

Jörgen Smit hat einmal in der Jugendsektion von einem Brief berichtet, der angeblich Rudolf Große Vorlag als er die Leitung der pädagogischen Sektion übernahm. Er stammte von Ernst Weissert und Erich Schwebsch, an Hermann Poppelbaum gerichtet und hielt fest, dass die Sektion in Dornach sich für die geistige Weiterentwicklung der Erziehungskunst Rudolf Steiners verantwortlich fühlen sollte, sich aber aus den Angelegenheiten der sich im Neuaufbau befindenden Waldorf-Schulbewegung Deutschlands heraushalten würde.

Die Wirkung des Entscheids war eben, dass die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft die reale Einbindung der verschiedenen Berufsrichtungen und Einrichtungen weltweit verlor; sie ging unabhängige Wege und suchte anderswo Richtung und Zusammenarbeit. Das Vertrauen zu Dornach war belastet; man versuchte in den nächsten Jahrzehnten es wieder herzustellen. Es mag heute als auffallende Schicksalsironie erscheinen, dass an derselben Generalversammlung wo man Ita Wegman und Elizabeth Vreede zu „rehabilitieren“ unternahm, das Mistrauen zwischen Dornach und Weltgesellschaft sich wieder stark verschärfte.

Nachlassstreit

Ein weiteres Jahrzehnt und es entfachte der Nachlassstreit. Gewichtige Konsequenzen, die nicht wieder rückgängig zu machen sind. Eine davon ist selbstverständlich, dass heute jeder Kritiker zu der anthroposophischen Literatur den gleichen Zugang wie jeder Anthroposoph hat. Wir befinden uns in einer sozio-politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem gesamten heutigen Umfeld, wo die Inhalte der Hochschule für Geisteswissenschaft keineswegs mehr unter Schutz liegen.

Es teilte sich ja von Anfang an die anthroposophische Gesellschaft in zwei unterschiedliche Haltungen gerade dieser Hochschule gegenüber. Nun wurden die Anfänge einer für die Weltgesellschaft funktionstüchtige Freie Hochschule für Geisteswissenschaft nochmals um über 30 Jahre verschoben. Es hat jede Hochschule, auch die für Geisteswissenschaft, die vier zentralen Aufgabenbereiche Ausbildung, Fortbildung, Forschung und Qualitätskontrolle, also das Überprüfen nach Wissenschaftlichkeit, Relevanz und Kompetenz, zusammenarbeitend im Dienste der Wahrheitsfindung. Von einer Solchen war bis Ende der 70er wenig zu spüren.

Wie sah die Hochschule denn 1976 aus? Zunächst gab es das Ritual der Ersten Klasse, das durch die Einführung frei gesprochenen Klassenstunden, gerade einen neuen Schub bekam. Dann war als einzige Sektion, die sich über die Jahre wirklich zu einer nicht mehr zu übertreffenden Hochblüte entwickelt hatte – im Betrieb allgemein einfach als „Die Sektion“ bekannt, die Sektion für Redende und Musizierende Künste. Eine gut weitergeführte Arbeit fand man auch in der Naturwissenschaftlichen und Mathematisch-Astronomischen Sektion, aber mehr gab es kaum. Natürlich wurde in der Weltbewegung viel geleistet, besonders auf medizinischem, pädagogischem und landwirtschaftlichem Feld, es waren dies unabhängige Einrichtungen die sich noch nicht zu einer Sektionsarbeit innerhalb der Hochschule zusammengefunden hatten.

An Stelle einer solchen Hochschule machten sich zwei andere Phänomene zunehmend geltend. Als erstes die Gepflogenheit, eine Reihe von Steinerzitate aufzuführen, denen eine ungeprüfte, axiomatische Stellung zugesprochen wurde, auf Grund dessen der Redner oder Autor dann seine Schlüsse zog und danach zur geisteswissenschaftlich Forschung zählen sollte. Dass man in einem solchen Verfahren unweigerlich „confirmation bias“, (was angeblich auf Deutsch als Konfirmationsfehler übersetzt wird) unterliegen muss, stellt man gar nicht erst zur Rede.

Das Zweite war ein stets wachsender Mythos um die Weihnachtstagung und dem anthroposophischen Äquivalent der Apostolischen Sukzession. Die verschiedenen dadurch entstandenen Zänkereien und Kontroversen sind hier nicht Thema, aber ich stimme Lorenzo Ravagli zu, der diese absolut deutlichste Zusammenfassung von Herbert Witzenmann zur Kontinuitätsfrage anführt.

»Das bleibend mit der sog. Bücherfrage verbundene Problem betrifft die spirituelle Kontinuität und das Fortwirken Rudolf Steiners unter seinen Schülern und in der heutigen Welt, auch nachdem er physisch nicht mehr unter uns weilt. Der Nachlassverein hat durch Wort und Tat vielfach zum Ausdruck gebracht, dass er als Institution wie auch im einzelnen Akt die Unvergänglichkeit dieses Fortwirkens und die Kontinuität des geistigen Lebensstroms, der ›anthroposophischen Bewegung‹ leugnet.«[2]

Es ging fortan nicht darum, was die Hochschule leistete, sondern um den Glauben an die Kontinuität, der bei Witzenmann noch einigermaßen nüchtern, aber unter den restlichen Mitgliedern zunehmend zu einem Bekenntnis wurde, an das jeder treue Anthroposoph glauben sollte. Es hatte nämlich der Mythos etwas gewaltig Suggestives und Inspirierendes und hat die weitere Arbeit bis heute geprägt.

Eine letzte Konsequenz des Nachlasskonfliktes führe ich aus rein persönlichen Gründen noch an, denn dadurch ist auch die eigentliche Begründerin der anthroposophischen Arbeit in Südafrika, Henriette Hollenbach, fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Zu dem Thema, jedoch eine künftige Ausführung.

1975 – 1993 Ausbau der Hochschule

Zum ersten Mal in der Geschichte der Gesellschaft war 1975 eine Vorstandskonstellation kooptiert die, relativ frei von den innenpolitischen Anhängerschaften der Vergangenheit, zusammenarbeiten konnte und real Initiative vorwies. Vorangegangen waren die breit angelegten Vortragsreisen von Hagen Biesantz, wodurch vor allen Dingen die englisch-sprachige Welt sich erstmals mit dem Goetheanum nicht nur versöhnt, sondern sich auch an den Geschehnissen beteiligt fühlte.

Vieles hat sich damals verändert, was einen Höhepunkt in der ersten großen Michaeli-Konferenz für Hochschulmitglieder September 1979 und den dort aufgelisteten Initiativen und Entscheidungen erreichte. Noch mehr als die Generalversammlungen gaben sie dem Vorstand das Mandat, in seinem Sinne weiter zu arbeiten. Für die überwiegend große Zahl der Beteiligten war das Ereignis überzeugend, inspirierend und gemeinschaftsbildend, und wurde abgerundet mit den vom Vorstand angeregten Initiativen, u.A.:

  • Aktiv versuchen, die noch bestehenden Konflikten in der Anthroposophischen Gesellschaft zu lösen.
  • Den noch teilweise im Rohbau sich befindenden Goetheanum-Bau fertigzustellen.
  • Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit allen dazugehörigen Sektionen voll auszubauen. (Vorangegangen waren Erklärungen wo den Mitgliedern weltweit zum ersten Mal klar wurde, was mit dieser Hochschule überhaupt beabsichtigt war.)
  • Die Grundausbildungen, also die verschiedenen Kunstschulen, aus dem Goetheanum auslagern und sie dazu auffordern, eigene Räumlichkeiten und Finanzierung zu suchen.
  • Die Absicht, alle sieben Jahre bis 2000 eine solche Klassenmitglieder-Tagung fortzusetzen.

Die Realisierung hatte bereits begonnen. Der Goetheanum-Betrieb, der bis dahin aus den drei mehr oder weniger unabhängigen Abteilungen Anthroposophische Gesellschaft, Bauverwaltung und Bühne bestand, wurde nun, zum ersten Mal, im Vorstand zentralisiert.

Es wurden die beiden Eurythmie-Gruppen Zuccoli und van der Pals zusammengeschweißt und ihre relative Autonomie aufgehoben. Es kam notgedrungen zu einigen Kündigungen auch sonst im Betrieb. Damit haben sich nochmals Persönlichkeiten einer stets wachsenden Gruppe von Menschen angeschlossen die, mit tiefen Ressentiments der Goetheanum-Leitung gegenüber, schon seit der Amtszeit Günther Wachsmuths sich anbahnte. Sie hatten das Gefühl, für ein Ei und ein Butterbrot ihr Leben für die Sache geopfert zu haben, um plötzlich Sinn und Ziel ihres Lebens und ihren Lebensunterhalt entzogen zu bekommen. Diese Stimmen gelten selbstverständlich weiterhin an allen Generalversammlungen und rumoren unterschwellig in der dornacher Region herum.

Auf alle Fälle war die Eigenverwaltung, unter der „Die Sektion“ zu ihrem Höhepunkt gelangt war, verschwunden und heute führt sie nur noch ein relatives Schattendasein von dem was sie einst war.

Die Auslagerung und Privatisierung der verschiedenen Ausbildungen weg vom Goetheanum-Gelände hatte eine Auswirkung, an die auch zuvor nicht gedacht wurde. Es hielten sich zunehmend die mehreren hundert Studenten, die früher den Bau bevölkerten, in entfernten Räumlichkeiten auf und das frohe Leben und Musizieren verschwand dabei aus der Gemeinschaft. Wo früher tausende von Studenten „Am Goetheanum studiert“ und ein ganzes Leben darauf aufgebaut hatten, kann das heute keiner mehr. Es gab nämlich früher einen erheblichen Teil der Studenten, die aus der Schweiz kamen. Heute ist das noch eine kleine Handvoll. Es macht einen grossen Unterschied, ob man an einer isolierten kleinen Fachschule oder bei einem weltbekannten, dynamischen Hochschul-Campus und Kulturzentrum, mit hunderten von verschiedenen Veranstaltungen studieren kann. Aus der Region finden heute also nur schwerlich junge Menschen den Weg in die Anthroposophische Gesellschaft.

Man wirkte also mit einer Interpretation der Hochschule für Geisteswissenschaft zu der Grundausbildung und einen in Selbstverwaltung arbeitenden Bühnenbetrieb nicht gehörten, eine die keinen Campus brauchte, sondern angeblich überall da war, wo die Klassenmitglieder arbeiteten und u.U. vielleicht auch forschten.

Neben diesen beiden weniger erfreulichen Konsequenzen war aber eine große Begeisterung entstanden. Man hatte zum ersten Mal die Weltgesellschaft wirklich erlebt. Menschen, die vorher eher kritisch dem Goetheanum gegenüberstanden, machten jetzt aktiv beim Aufbau der Hochschularbeit mit, die sich bald auch in die verschiedenen Länder erstreckte. Der Blick war nicht nur auf die eigene Gesellschaft, sondern auf die Welt gerichtet und die rapide Expansion weltweit fand eine Anthroposophische Gesellschaft, die bereit war, diese Entwicklungen in sich aufzunehmen.

Voll Erwartungen und Enthusiasmus kam man zur zweiten Weltkonferenz Michaeli 1986 zusammen. Wiederum inspirierend, aber diesmal deutlich abgehobener. So stark waren Erfolgsgefühl und Weihnachtstagungs-Mythos in die Gemüter eingedrungen, dass man gar nicht merkte, wie labil das noch alles war. An Stellen konnte man erleben, wie ein Redner versuchte gleichsam die Beteiligung verstorbener Anthroposophen und geistigen Wesen in den Saal herunter zu beschwören. Man kam auf Rudolf Steiners letzte Ansprache und den 4 X 12 Menschen die, im Einklang mit dem Vorstand, auf ein künftiges Michaelfest für die ganze Menschheit hinarbeiten sollten. Zum Abschluss wurde von den 1000 Anwesenden in Feierlich entschieden, in allen anthroposophischen Gesellschaften weltweit sich diesem Thema zu widmen, aktiv vorzubereiten und 1993 bei der nächsten Weltkonferenz des Erarbeitete zusammenzutragen, um dann zur Jahrtausendwende ein mit der geistigen Welt im Einklang stehendes Menschheits-Michaelfest feiern zu können.

Alles ging wieder nach Hause und in Südafrika haben wir einige wenige Versuche gemacht, und dabei blieb es. Wir standen ja gerade vor der größten politischen Krise in der Geschichte unseres Landes. Das ist keine Ausrede. Das ist mir heute klar. Damals hielt ich sie noch für eine.

Michaeli 1993 und das Versagen der Hochschulmitglieder

Diesmal war die Stimmung schon von Anfang an anders. Jörgen Smit war verstorben, Hagen Biesantz schwer erkrankt – zwei führende Persönlichkeiten, die den ganzen Umschwung der Gesellschaft mitgesteuert hatten. Das Tagungsprogramm lief ab, stark strukturiert, nicht einfach zu Wort zu kommen. Am dritten Tag noch kein Wort über ein Michaelfest. Ich wollte mich eben melden, da betritt Jean-Claude Lin schon das Podium und fragte eindringlich, was denn mit unserem Vornehmen geschehen war. Warum stand darüber nichts im Programm? Hatten es alle denn vergessen?

Kein Mensch ging auf seine Frage ein. In seiner Abschlussrede behauptete Manfred Schmidt-Brabant, in einem Nebensatz, die Ergebnisse der Arbeit an einem Michaelfest wären, wie man ja erleben konnte, in die Strukturierung des ganzen Programmes eingeflossen. Echt? Ich hatte davon nichts mitbekommen!

Jetzt, wo es zu spät war, konnte ich das Ganze kaum fassen. Wir hatten als bewusste Geistesschüler zusammen uns einen geistigen Auftrag auferlegt und hatten nicht nur dabei jämmerlich versagt, sondern es fehlte sogar die Courage, es uns selber einzugestehen[3]. Die Schuld, wie bei so Vielem, lag nicht bei der Leitung, sondern bei allen Hochschulmitgliedern gemeinsam. Es wurden auch hinterher über mögliche Konsequenzen niemals wieder gesprochen.

Die Schlussfolgerung stand klar vor Augen: Die Anthroposophische Gesellschaft hatte ihr Ziel verloren und auch ihre Führung. Die eigentlichen Führer-Persönlichkeiten, Hagen Biesantz und vor allem, Jörgen Smit, waren nicht mehr da. Man hatte nur noch eine Leitung, die aber ohne reale Zukunftsvision handelte, und weiterhin gehandelt hat.

Konkrete Arbeitsziele gab es nicht mir. Die alte Hochschule war weg, die neu-interpretierte hatte versagt und das Goetheanum war dabei, seine Stellung als lokales und internationales Kulturzentrum zu verlieren, bis dahin, dass es bald hauptsächlich zum Kongress- und Verwaltungszentrum wurde.

„Angriffe“ der Welt

Parallel mit diesem Versagen schien auch die Welt die anthroposophische Gesellschaft eingeholt zu haben. Es spitzten sich ganz plötzlich drei Fragen, die man, ungeschickter Weise, als „Angriffe“ wahrnahm, zu und die Leitung der ganzen Bewegung, in den Ländern wie auch am Goetheanum, entgegnete mit defensiver, abweisender Haltung anstatt sachlich, taktvoll und proaktiv mit ihnen umzugehen. Dank den angehäuften Konsequenzen vergangener Entscheidungen und der Kopf-im-Sand Gutgläubigkeit der Mitgliedschaft, verfügten wir, wie es schien, über keine treffenden Antworten mehr.

Es handelte sich um die unmittelbar bevorstehende Veröffentlichung der Klassentexte durch die Nachlassverwaltung, um den Prozess gegen sieben Waldorfschulen in Holland wegen rassistischen Inhalten im Lehrplan und um die Konstitutionsfrage der 1925 erfolgten Fusion des Goetheanum-Vereins mit der AAG.

Konsequenz der Konstitutionsfrage war, dass für die nächsten vielen Jahre – die erhoffte „Kulminationszeit“ der Anthroposophie um die Jahrtausendwende, die Gesellschaft lahmgelegt war und sich fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigte. Später hat man feststellen müssen, dass die „Angriffe“ erst kamen, nachdem man die rein sachliche Frage als Angriff bereits aufgenommen hatte.

Bei der Rassismusfrage ebenfalls. Der Prozess war kein „Angriff“ sondern hat mit recht auf eine Blamage seitens der in Frage kommenden Waldorfschulen hingewiesen. Dass frühere kritische Hinweise auf Rasseninhalte im Werk Rudolf Steiners bereits erschienen waren, hat diese Idee des Angriffs nur noch verstärkt.

1995 besuchten Virginia Sease und Manfred Schmidt-Brabant Südafrika, eine Vortragsreise, die sonst harmonisch und positive verlief. In Johannesburg kam es auch zu einem Gespräch unter Klassenmitglieder – eingeleitet von einem Bericht über die von Manfred Schmidt-Brabant als traurig bezeichnete Geschichte der missglückten Verhandlungen zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und der Nachlassverwaltung. Jahrelang hat man versucht, in intensiven Gesprächen zwischen Nachlassverwaltung, Vorstand und führenden Mitgliedern vor allem aus Deutschland, die immer wieder den Vorstand nötigten, nochmals die Nachlassverwaltung zu bitten, diese Texte doch nur unter den alten Bedingungen als alleine für Klassenlektoren gedacht, zu drucken. Man hatte einzig erreicht, dass die Texte in einem Format gedruckt werden sollten das, in meiner Erfahrung einmalig, die Intention hatte, interessierte Leser zu bewegen, sie nicht zu kaufen. Drei riesige, kofferfüllende Bände für 300 Schweizerfranken.

Nach der Darstellung, stellte ich die Frage, wie sich die Hochschulleitung eine weitere Arbeit unter Klassenmitgliedern nun vorstelle, damit die esoterische Arbeit dadurch nicht zu stark beeinträchtigt werde. Schmidt-Brabant sagte dazu, es blieb uns nichts Anderes übrig, als noch intensiver an den Inhalten und den Mantren, jeder einzelne für sich, zu arbeiten und nicht selber die Texte zu lesen, damit das Prinzip „von Mund zu Ohr“ erhalten bleibe.

Sollte das etwa die Antwort der Hochschulleitung sein? Dass jedes Mitglied auf sich selbst gestellt sei? Über zwanzig Jahre hatte die Nachlassverwaltung wiederholt bekanntgegeben, dass diese Veröffentlichung stattfinden würde. Anstatt sich auf die Veröffentlichung vorzubereiten, wollte man die Tatsache nicht wahrhaben und versuchte, sie davon abzubringen?

Es war ja Manfred Schmidt-Brabant nur Botschafter. Die Verantwortung lag bei all den führenden Lektoren und Vorständen, die zwei Jahrzehnte lang die Debatte verfolgt hatten. Ohne aber Kulminations-Leitbild, Weihnachtstagungs- und Kontinuitätslegenden abzulegen, verstand es offenbar keiner so recht, wie’s weitergehen sollte.

Dieses Mal konnte man den Auswirkungen nicht den Rücken kehren. Der Vorstand geriet ins Kreuzfeuer. Jörgen Smit, der weitgehen während den 80er dem Vorstand Glaubwürdigkeit gewährte, war nicht zu ersetzen. Viele,  darunter führende, Mitglieder zogen sich von der Gesellschaft zurück die, ganz mit den eigenen Problemen in Dornach beschäftigt, nach und nach den Kontakt zu den Anthroposophen der Welt verlor. Wer heute überall die Anthroposophie „repräsentiert“, oder an einer geisteswissenschaftlichen Forschungsarbeit beschäftigt ist, wissen wir nur lückenhaft, weil wir die Leute nicht mehr kennen.

Es überhäuften sich die Ereignisse. Rassismus-Debatte, Konstitutionskrise und darauffolgenden Prozess einerseits; in Dornach aber, dicht auf den Saalumbau folgend, teure Renovationen in Keller, Rudolf Steiner Halde, Schreinerei, Glashaus, Goetheanum-Dach, Eurythmie-Häuser und einer ganzen Reihe anderer Bauten die, verständlicher Weise, inzwischen deutlich am Alter litten. Steigende Mitarbeiter- und Modernisierungskosten im Haus, Veranstaltungen unterbesetzt, usw., usw.; auf die Dauer musste, ohne gewisse Maßnahmen, dem Goetheanum das Geld ausgehen.

Durch diese Maßnahmen hat die schon erhebliche Gruppierung der sich-misshandelt-Fühlenden und Querulanten in Dornach zu einer nicht mehr zu ignorierenden Macht entwickelt. Der Vorstand kam zunehmend unter Bedrängnis und, vornehmlich durch die sogenannte „Schließung“ der Sektion für Bildende Künste, kam es zu unüberbrückbaren Feindseligkeiten, die zu einem anhaltenden Aktivismus führten. So kam 2011 das Votum auf Vertrauensentzug des Vorstandes vor die Generalversammlung. Es hat der Vorstand diese noch recht souverän behandeln können, doch gleichzeitig haben wir, ohne gründliche Überlegung, die Entscheidung auf eine auf sieben Jahre befristete Amtszeit des individuellen Vorstandsmitgliedes verabschiedet, wodurch diese Personen der demokratischen Willkür der Mitglieder ausgesetzt sind. Wie man der ganzen traurigen Gesellschaftsgeschichte ablesen kann, haben sich diese schon immer als völlig unberechenbar erwiesen, wenn es um einen Kampf geht.

Die Konsequenz erlebten wir an der letzten Generalversammlung. Damit ist auch das Prinzip der Kooption der Leitung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft endgültig durchbrochen. Wer soll da noch von einer vom Geiste eingesetzter Einrichtung sprechen, wenn ihre Leitung nicht direkt dem Geiste dient, sondern mindestens 50% der Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft befriedigen soll? Nicht dass ich dieser Mythe des esoterischen Vorstandes nachtrauern würde. Ich neige zur Ansicht Maria Roeschls, die in einem Brief and Willem Zeylmans am 7 Dezember 1930 schrieb:

“Wir erleben nun den Zeitpunkt, da es endgültig klar wird, dass die von Dr. Steiner gestellte Aufgabe, im Dornacher Vorstand eine esoterische Gemeinschaft zu schaffen, völlig gescheitert ist. Dr. St. hat erstmalig die widerstrebensten Karmaströmungen zu einer Gesellschaft vereinigt. Wäre der Vorstand wirklich zu einer esoterischen Gemeinschaft geworden, dann hätte die Gesellschaft über Dr.’s Tod hinaus als grosse Gemeinschaft in einheitlicher Gesellschaftsform sich entwickeln können. Da dies aber misslang, sind all diese Karmaströmungen wohl durch die Lehre, aber noch nicht auch durch die Gemeinschaftsform der Gesellschaft geeint. Sondern nach Dr.’s Tod schliessen die gesellschaftsbildenden Kräfte leider nicht mehr um Dr. herum, sondern um die einzelnen Karmazentren von andern Führerpersönlichkeiten zusammen: Dr. Wegman, Albert Steffen, Frau Dr. Steiner. Dabei vollzieht sich der Prozess, dass die zu Frau Dr. Steiner gehörigen Seelen, da sie momentan sich zurückziehen muss, sich auch um A. Steffen gruppieren.

Der Vorstand als esoterische Gemeinschaft war auch zu Doktors Lebzeiten keineswegs schon da. Wäre er schon existent gewesen, dann und nur dann hätte Dr. seinen Nachfolger bestimmen können. So aber musste er wissen: selbst wenn er ihn bestimmt, wird er doch auf die Dauer nicht anerkannt werden können, da die Karmaströmungen ohne führende esoterische Gemeinschaft nach Dr.’s Tod auseinanderklaffen mussten – früher oder später.»

Neben dem, dass der Entscheid, die beiden Vorstandsmitglieder in ihrem Amt nicht zu bestätigen das Vertrauen zwischen den dornacher Mitglieder und der Weltgesellschaft schwer belastet hat, kommt deutlich zum Vorschein, dass wir es mit zwei unterschiedlichen Vorständen zu tun haben. Für die Weltgesellschaft ist er der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft; für die Dornacher ist er die Geschäftsführung des Goetheanum-Betriebs – zwei Einrichtungen die Rudolf Steiner ausdrücklich voneinander getrennt hielt und meinte, über das Verhältnis zwischen ihnen, sollte noch gesprochen werden[4]. Dieses Gespräch hat sich um 90 Jahre verschoben bis endlich das Schiff aufgelaufen ist.

Und die Zukunft?

Wenn die Anthroposophische Gesellschaft weiterhin der Anthroposophischen Bewegung dienstlich sein möchte und das Goetheanum nicht zunehmend der Weltgesellschaft zur Last fallen soll, sind einige mutige und kreative Initiativen von Nöten. Sie hängen davon ab, ob die Gesellschaft weiterhin die Anthroposophie als Offenbarung sehen will, an die man glauben sollte, oder endlich als den wissenschaftlichen Erkenntnisweg, der sie ist.

Eine erste solche Initiative könnte sein, nochmals einen Verein zu gründen, mit Ziel und Zweck, allein die Goetheanum-Bauten und Betrieb rechtlich zu übernehmen, für die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft zur Verfügung zu stellen und zu erhalten, mit einem Verwaltungsrat, der nicht mit dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft identisch ist.

Was fehlt denn heute dem Goetheanum zum Überleben? Nun, was es vor 40 Jahren in einer Fülle hatte – eine engagierte lokale Interessengemeinschaft. Wenn ich hier im Dorf Waldorf Ex- oder Oberstufenschüler Schüler frage, ob sie mal etwas am Goetheanum mitmachen, kriege ich antworten wie: „“Die da?“, oder „Ich werde niemals Anthroposoph.“ Nichts- oder doch vielsagend.

Was gibt es für sie in einem Betrieb zu tun, der für zahlende Tagungsgäste ausgerichtet ist; mit lauter schon festgelegten Posten, wo persönliche Initiative nicht gefragt ist und kaum realisiert werden kann? Mitten unter uns rumort eine stets wachsende und lautstark werdende Anzahl von Menschen, die sich früher voll engagierte und sich jetzt ausgeschlossen und entmündigt fühlt. Man spürt so mehr oder weniger die Empfindung: „Unser Goetheanum, an dem wir mit Rudolf Steiner zusammenarbeiten sollten, und es auch getan haben, entfernt sich in seinen Zielsetzungen und seinem Arbeitsklima immer weiter von uns.“ Und, trauriger Weise, hat es auch noch tätige Mitarbeiter, die diese Auffassung teilen, weswegen man eine, innerhalb der Anthroposophie doch recht seltsame Maßnahme, über heikle Fragen eine Geheimabstimmung abzuhalten, einführen musste. Denn die Möglichkeit besteht, zumindest in den Köpfen, von Kollegen in der Geschäftshierarchie, vielleicht bespitzelt zu werden, was ungünstige Wirkungen auf den eigenen Job haben könnte.

Es ist doch eine große Frage, wie es kommt, dass noch vor 30 Jahren das Goetheanum für die ganze Region Nordschweiz-Südbaden eine solch zentrale Rolle spielte und sie es heute kaum mehr wahrnimmt? Der Betrieb braucht Menschen, die sich dieser Situation annehmen und versuchen, sich weder dagegen zu wehren. noch einfach nachzugeben. Das kann kein Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft und auch keine Hochschulleitung. Es ist auch nicht ihre Aufgabe. Da braucht es verständnisvolle Menschen aus dieser Region, die allgemein Ansehen und Vertrauen genießen. Der Goetheanum-Campus und die Hochschule für Geisteswissenschaft haben doch riesige Möglichkeiten, die heute noch kaum ausgeschöpft sind!

Es muss jedoch, um neu Ziel und Zweck für die Zukunft zu finden, die Anthroposophische Gesellschaft weit mehr als nur die neu-Belebung des Goetheanums unternehmen. Die NPI in den Niederlanden stellt zunächst drei Fragen an jede Initiative: Erstens: ist die Initiative von einer Idee getragen? Gibt es ein Leitbild? Und zweitens: ist sie sozial gesund? Welche Menschen sind mit ihr und durch sie verbunden und welche Rechtsform hat sie? Und schliesslich: besteht wirklich Nachfrage nach dieser Initiative? Gründet sie sich auf ein echtes Bedürfnis von Aussen, oder betreibt man sie nur als Hobby?[5] Wie die Mitgliedschaft heute zu diesen Angaben steht, bleibt eine offen Frage.

Die Hochschulinterpretation der 70er hatte spätestens an der Michaeli-Tagung 1993 nicht vermocht, die Mitgliedschaft zu vereinigen unter einem gemeinsamen Leitbild oder einer gemeinsamen Aufgabe. Ihr Modell war das einer Verwaltung die hoffnungsvoll die Geistesforschung individueller Klassenmitglieder koordinieren sollte, die sich regional oder am Goetheanum um gemeinsame Fragen trafen innerhalb der 11 vorhandenen Sektionen und sich die Klassenstunden anhörten oder besprachen. Sie verlor die vier Aufgaben einer jeden Hochschule, Grundstudium, Weiterbildung, Forschung und Bewertung nach Wissenschaftlichkeit, Relevanz und Kompetenz zu pflegen, gänzlich aus dem Auge.

Allein aus den Bedürfnissen der anthroposophischen Bewegung seiner Zeit ist es anzunehmen, dass Rudolf Steiner genau eine solche Hochschule beabsichtigte. Wäre sie einfach eine Fortsetzung der ehemaligen Esoterischen Schule (ES) gewesen, hätte er sie eine Schule und keine Hochschule genannt. Die verschiedenen anthroposophischen Ausbildungsstätten, nach den Bedürfnissen der Institutionen und Berufsrichtungen gegründet und geführt, waren nie als akademische oder inter-disziplinarische Forschungseinrichtungen gedacht, durch die neue Fakultäten oder Studiengänge dem vorhandenen Angebot, je nach den Zeitfragen und Forderungen der allgemeinen Gesellschaft dazu gefügt werden, so wie das sonst bei allen Hochschulen geschehen ist. Die Hochschule für Geisteswissenschaft besteht nach wie vor aus den 11 Sektionen, die im Wesentlichen fast von Anfang an da waren.

Gerade in den letzten Monaten ist das neue Buch von Nicanor Perlas, «Humanity’s Last Stand» erschienen. Darin behandelt er die dringende Forderung an Menschen mit einem geistigen und moralischen Weltbild, die bedrohlichen Fragen, die durch die Künstliche Intelligenz aufgeworfen werden, zu erforschen und lernen, damit umzugehen. Wie viel weiter wären wir heute damit, wenn tatsächlich eine solche Freie Hochschule für Geisteswissenschaft existieren würde, die frei von allen offiziellen Strukturen, für junge Menschen zugänglich wäre, die allein die Grundkenntnisse und Qualifikationen für eine solche Aufgabe besitzen? Im Gegensatz zu den gegenwärtigen Mitglieder, von denen die Wenigsten wissen, dass es diese Debatte überhaupt gibt.

Das Streben, heute tatsächlich eine lokale und internationale freie und unabhängige Hochschule für Geisteswissenschaft zu kreieren, möchte doch vielleicht eine Initiative sein, die Anthroposophen nochmals um ein gemeinsames Ziel vereinigen könnte. Diesmal aber eine Hochschule, die auch frei vom Mitgliedszwang der Anthroposophischen Gesellschaft oder gar der Klasse ist. Eine die in der Tat Studiengänge, Fortbildung, Forschung und Bewertung unternimmt, dabei aber ganz der Wahrheitsfindung dient; die mögliche anthroposophische Konfirmationsfehler und mangelnde Faktenüberprüfung nicht ignoriert und die keinen Bedarf nach überlebten Weihnachtstagungs- und esoterischer Vorstands-Mythen aufweist. Vor Allem aber eine, die keine Kompromisse mit einer Staatsbürokratie oder der akademischen Hierarchie eingeht – wo jeder mitarbeiten kann, der sich einer anthroposophisch-geisteswissenschaftlicher Forschung für längere oder kürzere Zeit hingeben möchte und bereit ist, diesen Weg mit anderen zu gehen.

Die Grundlagen dazu existieren ja bereits am Goetheanum-Campus selber, wie auch in den vielen anthroposophischen Ausbildungsstäten weltweit, wo immerhin ein reges anthroposophisches Studienleben zum Teil noch gepflegt wird. Es besteht auch die von Rudolf Steiner ausgeführte Struktur der Hochschule und die Inhalte der Ersten Klasse. Weiterhin hat man heute gar manches Modell eines universitären Fernstudiums, wie in The Open University, UK, oder der University of South Africa, bei denen jeder sich anmelden kann, wo auch die Person auf der Welt leben mag.

Das bildet alles eine Basis, auf der sich etwas, zunächst informell, in Form von Kursen, Forschung und Zusammenkünfte aufbauen lässt, gerade um die Kernfragen unserer Zeit – Klimawandel, Menschenrecht, Krieg und Frieden, Armut, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung, Nanotechnologie und viele mehr. Diese durch die innere, meditative Arbeit an der Klasse und sonstigen anthroposophischen Inhalte zu beleuchte wäre eine wahre Gabe für die Welt und würde dasjenige bieten, was schon seit Jahrzehnten ausblieb, nämlich eine esoterische Schule, zu der junge Menschen Zugang haben, der sie beitreten können. Diejenigen, die einen geistigen Forschungsweg suchen, den sie mit ihrem beruflichen und privaten, ihrem akademischen und praktischem Leben verbinden können, wo man auch akademisch fundierte Studienführer zu Rudolf Steiners Hauptwerke und andere spirituelle Schriften findet, mit denen man alleine oder mit anderen arbeiten kann.

Das könnte dazu führen, dass wieder Initiativen und Bestrebungen entstehen, die Anthroposophen der Welt nochmals miteinander zu verbinden; dass die Bewegung sich löst von den unterschiedlichen geradezu sektenhaften Anhängerschaften, die sich über die Jahre gebildet haben, sowohl lokal wie international, und ein neues Gefühl des Zusammenwirkens für ein gemeinsames Ziel zustande kommt. Es ist meine Hoffnung, dass eine solche nüchterne, unbeteiligte Sicht der Gesellschaftsgeschichte etwas zu diesem Prozess beitragen könnte.

Notizen

[1] Mitglieder Verein des Goetheanums:

Heinrich Berner, Stuttgart 1885-1959, Lucie Bürgi-Bandi 1875-1949 Bern, Rudolf Geering-Christ 1871-1958 Basel, Emil Grosheitz 1867-1946 Basel, Prof. Dr. med. h. c. Alfred Gysi (Aarau 1864-1957 Zürich), Marie Hirter-Weber (Bern 1854-1946 Beatenberg), Pauline Gräfin von Kalckreuth (Düsseldorf 1856-1929 München), Otto Graf von Lerchenfeld (Köfering 1868-1938 Salzburg), Dr. h. c. Emil Molt, Kommerzienrat (Calw-Württ. 1876-1936 Stuttgart), Dr. med. Felix Peipers (Bonn 1873-1944 Arlesheim), Marie Schieb (Bern, t 1948), Dr. ing. Carl Unger (Bad Cannstatt b/Stuttgart 1878-1929 Nürnberg) engineer of 1st Geotheanum, Emilie von Gumppenberg

http://www.kulturimpuls.org/wp-content/uploads/2015/05/24Glossar-Stichworte-ersteSeiten.pdf

[2] Siehe Lorenzo Ravagli: https://anthroblog.anthroweb.info/2014/1967-die-verwirklichung-der-weihnachtstagung-als-ewige-aufgabe/

[3] Siehe zum Beispiel WIE ERLANGT MAN ERKENNTNISSE DER HÖHEREN WELTEN – Die Bedingungen der Geheimschulung:

«Und damit ist auf die fünfte Bedingung gedeutet: die Standhaftigkeit in der Befolgung eines einmal gefassten Entschlusses. Nichts darf den Geheimschüler dazu bringen, von einem gefassten Entschluss abzukommen, als lediglich die Einsicht, dass er im Irrtume befangen ist. Jeder Entschluss ist eine Kraft, und wenn diese Kraft auch nicht einen unmittelbaren Erfolg da hat, wohin sie zunächst gewandt ist, sie wirkt in ihrer Weise. Der Erfolg ist nur entscheidend, wenn man eine Handlung aus Begierde vollbringt. Aber alle Handlungen, die aus Begierde vollbracht werden, sind wertlos gegenüber der höheren Welt. Hier entscheidet allein die Liebe zu einer Handlung. In dieser Liebe soll sich ausleben alles, was den Geheimschüler zu einer Handlung treibt. Dann wird er auch nicht erlahmen, einen Entschluss immer wieder in Tat umzusetzen, wie oft er ihm auch misslungen sein mag. Und so kommt er dazu, nicht erst die äußeren Wirkungen seiner Taten abzuwarten, sondern sich an den Handlungen selbst zu befriedigen. Er wird lernen, seine Taten, ja sein ganzes Wesen der Welt zu opfern, wie auch immer diese sein Opfer aufnehmen mag. Zu solchem Opferdienst muss sich bereit erklären, wer Geheimschüler werden will.»

[4] Fragebeantwortung am 29. Dezember 1923 GA 257 Anthroposophische Gemeinschaftsbildung ISBN 3-7274-2570-9

[5] Lex Bos – ein Lebensbild, Flensburger Hefte III/2005, Heft 89 ISBN 3-935679-24-6, Seite 144

 

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